Lerne, dich zu freuen! - Seneca (alle)

Devino M., Sonntag, 12. Mai 2019, 20:22 (vor 215 Tagen)

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 23

Lerne, dich zu freuen! Denkst du denn, ich brächte dich um viele Genüsse, wenn ich dir die Zufallsgaben nehme, wenn ich meine, man müsse die Hoffnungen, diese ach so süßen Zerstreuungen, aufgeben? Ganz im Gegenteil: Ich will, dass es dir niemals an der Freude fehle. Ich will, dass sie dir zu Hause erwächst; das tut sie, vorausgesetzt, sie hat ihre Quelle in dir selbst.

Die sonstigen heiteren Empfindungen füllen das Herz nicht aus; sie glätten die Stirn, sie sind belanglos, es sei denn, du bist der Ansicht, jemand, der lache, freue sich bereits: Der Geist muss munter sein, zuversichtlich und über alles erhaben. Glaube mir, wahre Freude ist eine ernste Sache...

Die Dinge, an denen die Masse ihren Spaß hat, bieten nur ein seichtes, oberflächliches Vergnügen, und jede Freude, die nicht von Herzen kommt, entbehrt der Grundlage. Die Freude, von der ich spreche und zu der ich dich versuche hinzuführen, die Freude ist solide und dringt tiefer ins Innere.
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Ein seichtes Gemüt lässt sich leicht mit Seichtigkeit begnügen. Doch gerät es in etwas hinein, was Tiefe hat, so kommt es da nicht mehr so leicht hinaus. Ähnlich leicht kann sich jemand leicht sehr großspurig geben, allerdings nur so lange, wie ihn die Empfindung der Tiefe dazu nach nicht erreicht.

Die größere Leistung ist immer die, es auch wirklich zu empfinden und zu empfangen. Darin findet jeder schnell die Grenzen seiner Möglichkeiten wieder. Entweder, weil alles dann doch nicht nur so banal und schlicht von der Hand geht, oder, weil man doch nicht wirklich einen umfassenden Bezug herzustellen in der Lage ist, und daher auch nicht wirklich das empfängt, womit jeweiliges zusammenhängt.

So ist es auch mit der Freude. Eine vollumfängliche Freude ist etwas anderes, als nur über etwas mal lachen zu können. Allerdings muss die Freude etwas vorfinden, worin sie tiefgehend einziehen kann, um dann wieder auszubrechen und auszustrahlen. Damit es nicht bloß bei einer kurzen Gemütsregung verbleibt.

Was ist Glück? - Seneca

Devino M., Sonntag, 12. Mai 2019, 20:39 (vor 215 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 42

Was ist Glück?

Sorglosigkeit und beständiger Seelenfrieden.

Wie gelangt man zu diesem Ziel?

Wenn man die Wahrheit ganz durschaut hat; wenn man bei seinen Handlungen Ordnung, Maß und Anstand wahrt, eine lautere und gütige Gesinnung an den Tag legt, die sich an der Vernunft orientiert und niemals von ihr abweicht, eine Gesinnung, die zugleich liebenswert ist und bewunderungswürdig.
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Für gewöhnlich wollen alle irgendwo gut sein, einfach schon allein deswegen, weil es einem damit doch letztlich am besten geht. Allerdings wird zu oft erwartet, dass alles sofort vom Umfeld in irgend einer Weise belohnt werden möge. Darüber hinaus lässt sonst die Begeisterung schnell mal nach. Denn wozu sollte man sich mühen, wenn es doch keiner sieht?

Das man sein Leben vor sich selbst auch webt und die Seele in einem beständig lebt, wird oft nur wenig anerkannt, vielleicht weil es vielen unbekannt. Zwar reicht es noch bis zur Annahme, es würde irgendwo die Seele in einem sein, doch viel mehr wird daraus auch nicht gemacht. Es reicht meist nicht und gelangt auch selten zur bewussten Tatsache.

Doch kann es größeres Glück geben, als selbst die Seele zu sein und dieser gemäß zu leben? In der vollen Bandbreite eigener Empfindungsmöglichkeiten? Alles zu empfangen, was mit einem selbst zu tun hat. Für alles gerade zu stehen, was immer man getan hat und tut. Mutig für die eigene Seele einzustehen, was immer erforderlich ist.

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