Wasser (alle)

Felix, Dienstag, 30.03.2021, 12:11 (vor 209 Tagen) @ Felix

Eine Geschichte von Leo Tolstoi

"Vor langer Zeit schien die Sonne unbarmherzig auf die Erde nieder. Die Quellen versiegten, die Brunnen vertrockneten, die Erde wurde hart vor Trockenheit. Das Gras verdorrte. Die Blumen neigten ihre Köpfe, die Bäume ließen ihre Zweige hängen und warfen ihre Blätter ab. Die Tiere hatten großen Durst und viele mussten verdursten. Ein Hündchen kam gelaufen und suchte nach einem Schluck Wasser. Es konnte aber keinen finden, und so legte es sich müde und matt auf den Boden.

Eine alte Frau war den ganzen Tag unterwegs mit einem Krug. Auch sie war auf der Suche nach Wasser. Sie war so schwach geworden, daß sie nicht mehr gehen konnte. Dem Tode nahe setzte sie sich an den Wegesrand. Ein alter Mann kam auf dem Weg daher. Mit schweren Schritten ging er auf einen Stock gestützt. Er hatte großen Durst. Seine Lippen waren ausgetrocknet. Er war schwach und trostlos.

Ein junges Mädchen stand mitten in der Nacht auf. Seine Mutter war todkrank. Sie brauchte dringend Wasser, sonst würde sie sterben. Das Mädchen sprach zu sich: ich will mich auf den Weg machen und einen Brunnen suchen, sonst wird meine Mutter sterben. Das Mädchen nahm den Krug und ging den ganzen Tag in der heißen Sonne. Lange war es unterwegs, aber es konnte kein Wasser finden. Da wurde es müde; denn es war schon Abend. Es setzte den Krug ab und legte sich nieder. Das Mädchen schlief ein und hatte einen wunderbaren Traum. Es hörte im Traum ein Quellen, Sprudeln und Fließen. Es träumte, wie der Krug gefüllt wurde bis obenan. Mit klarem, frischem Wasser wurde er gefüllt bis zum Rand.

Als es die Augen aufmachte am Morgen, sah es den gefüllten Krug. Es sprang auf voller Freude und dachte: jetzt kann ich endlich meinen Durst löschen. Aber da fiel ihm die Mutter ein. So nahm es eilig den Krug und wollte nach Hause laufen. Doch, da wäre es fast gestolpert. Das Hündchen lag vor ihm auf dem Boden, ganz schwach vor Durst. Da hatte das Mädchen Mitleid mit ihm, goß Wasser in seine Hand und gab dem Hündchen zu trinken. Das Tier fand wieder Kraft und lustig sprang es davon.

Der Krug aber war nicht leerer geworden. Er war auch nicht mehr aus Ton und Erde, sondern aus Silber und er leuchtete wie der Mond. Voll Staunen eilte das Mädchen weiter. Es traf die alte Frau und den alten Mann, die am Weg saßen, ganz elend vor Durst und dem Tode nahe. Das Mädchen spürte die Not der Menschen und konnte nicht vorübergehen. Es gab ihnen zu trinken. Doch der Krug wurde nicht leerer. Er strahlte jetzt wie die Sonne in leuchtendem Gold.

Vorsichtig trug es den Krug nach Hause und rief: Mutter, Mutter, ich habe Wasser für dich! Die Mutter aber sprach: Ich bin schon alt. Du sollst leben, mein Kind. Trink du zuerst! Da tranken sie alle beide vom Wasser im Krug und siehe da, der Krug war über und über besetzt mit Edelsteinen, die leuchteten und funkelten. Und aus jedem Stein entsprang ein Quell frischen Wassers und ergoß sich über alles, was dürstete.

Da trug das Mädchen den Krug hinaus ins Freie. Es sprudelte aus den Edelsteinen hervor, Quellen gleich,und viele Bächlein durchzogen das dürre Land. Sie tränkten die ganze Erde und überall, wohin sie flossen, wurde alles grün und voller Leben. Die Gräser und die Blumen wuchsen, die Bäume streckten ihre Äste aus. Die Hasen und Rehe kamen und löschten ihren Durst. Die Menschen füllten ihre Krüge und tranken und wurden erfüllt von Leben und Freude. Die Erde wurde neu, zu einem wunderbaren Garten wurde sie.

Dann wurde es Nacht. Alles war ruhig und still. Nur das Wasser hörte man fließen und strömen. Da träumte das Mädchen, daß die Quellen und Bäche, die dem Krug entsprangen, über die ganze Erde flossen, ja über die Erde hinausflossen, hinein in den weiten Himmelsraum. Und es sah, wie aus jeder Quelle ein wunderschöner Stern emporstieg. Es entstand ein großer Stern, ein Sternbild, das leuchtet in der Nacht und sagt: Ich bin euch Wegweiser, damit ihr keine Angst zu haben braucht. Ich leuchte euch und leite euch. Habt Vertrauen, dass das Leben gut ist. Habt die Liebe. Sie macht die Erde schön. Sie kann Vertrocknetes zum Leben erwecken."


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