Der Asket

Felix, Donnerstag, 29. November 2018, 12:52 (vor 12 Tagen) @ Sladdi

"Im Hochgebirge vor seiner Höhle
saß der Asket,
nur noch ein Rest von Leib und Seele
infolge äußerster Diät.

Demütig ihm zu Füßen kniet
ein Jüngling, der sich längst bemüht,
des strengen Büßers strenge Lehren
nachdenklich prüfend anzuhören.

Grad schließt der Klausner den Sermon
und spricht: "Bekehre dich, mein Sohn,
verlass das böse Weltgetriebe,
vor allem unterlass die Liebe,
denn grade sie erweckt aufs neue
das Leben und mit ihm die Reue.

Da schau mich an: Ich bin so leicht
fast hab ich schon das Nichts erreicht
und bald verschwind ich in das reine
zeit-, raum- und traumlos Allundeine."

Als so der Meister in Ekstase,
sticht ihn ein Bienlein in die Nase.
O welch ein Schrei!
Und dann das Mienenspiel dabei!

Der Jüngling stutzt und ruft: "Was seh ich?
Wer solchermaßen leidensfähig,
wer so gefühlvoll und empfindlich,
der, fürcht ich, lebt noch viel zu gründlich
und stirbt noch nicht zum letzten Mal."

Mit diesem kühlen Wort empfahl
der Jüngling sich und stieg hernieder
ins tiefe Tal und kam nicht wieder."
(Wilhelm Busch)

:-D



gesamter Thread:

 

powered by my little forum