Schöpfer des ehrwürdigen Gedankenguts - Seneca (alle)

Devino M., Montag, 10. Juni 2019, 18:47 (vor 186 Tagen)

Seneca: Das Leben ist kurz [De brevitate vitae] 14

Nur die allein leben in Muße, die ihre Zeit der Weisheit widmen: Sie allein leben. Sie hüten nämlich nicht nur ihre eigene Lebenszeit gut, sie fügen ihr auch noch jede Zeitepoche hinzu. Alle Jahre, die vor ihnen gelebt wurden, haben sie für sich gewonnen. Wenn wir nicht ganz und gar undankbar sind, dann sind doch all die berühmten Schöpfer des ehrwürdigen Gedankenguts für uns geboren, haben uns den Weg zum rechten Leben gebahnt. Zum Edelsten und Schönsten, das durch die Mühe anderer aus der Finsternis ans Licht gebracht wurde, werden wir hingeführt. Kein Zeitalter ist und verschlossen, zu allen haben wir Zutritt, und wenn wir hochgemut die Schranken menschlicher Schwäche überschreiten wollen, dann tut sich großer Zeitraum auf, den wir durchwandern können.
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Es bleibt nicht außeracht zu lassen, was alles bereits ersonnen wurde. Vielleicht mag es nicht in jeder Hinsicht ein hohes Niveau sein, dennoch gibt es kaum etwas, wo man gänzlich bei null anfangen müsste. Zum glück weiß man nicht um alle Dinge, die es alternativ geben könnte, und die besser wären. Allerdings gibt es nichts, was nicht irgendwer zuerst ersonnen hätte. Schlimm wäre es, wenn es die bestimmten Leuchten der damaligen Gegenwart nicht gegeben hätte, die unsere Gegenwart immer noch zum besseren machen, obwohl ihre eigene Epoche längst vorüber ist.

Das Naheliegende und Fernere - Seneca

Devino M., Sonntag, 16. Juni 2019, 22:50 (vor 180 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Das Leben ist kurz [De brevitate vitae] 15

Ehrentitel, Denkmäler und was sonst die Ehrsucht durch Beschlüsse verordnet oder durch Bauwerke errichtet hat, das stürzt schnell wieder ein, alles zerstört und vernichtet die Länge der Zeit. Was aber die Weisheit geheiligt hat, das kann keinen Schaden erleiden. Kein Zeitalter wird es vernichten, keines mindern. Die folgende und auch jegliche noch ferne Zeit wird etwas zur Verehrung beitragen, denn der Neid zielt nur auf das Naheliegende, während wir das Fernere unvoreingenommen bewundern.
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Tatsächlich ist es oft so, dass diejenigen die in kein direktes Verhältnis gesetzt werden können und einer anderen Zeitepoche angehören, unvoreingenommen bewundert werden. Jedoch diejenigen, die sich unter uns vorfinden, eher beneidet werden oder zu Rivalen erklärt.

Sicher kann man anführen, dass die Lebenden auch irgendeine Art von Körperlichkeit auf verschiedenen Ebenen einbringen [und somit auch Raum einnehmen und beanspruchen], während es bei denen im Jenseits nur noch zarte Seelenempfindungen sind. So dass allerlei Körperlichkeit davon weitestgehend unbeeinflusst bleibt. Was auch erklärt, warum die wenigsten einen Kontakt zwischen dem Diesseits und Jenseits herstellen können. Es geht alles ein wenig aneinander vorbei. Es erfordert also von den sogenannten Lebenden zunächst, dass sie von der Seele her agieren. Denn noch viel weniger von denen im Jenseits, sind in der Lage einen Körper zu manifestieren.

Allerdings nutzt es denen nichts mehr, welche umgebracht wurden, wenn man ihnen danach Denkmäler aufstellt. Das Göttliche gehört verehrt, weniger das Sterbliche. Dennoch ein achtungsvoller Umgang ist durchaus angebracht und sollte kaum zu viel verlangt sein, auch beim Naheliegenden.

Das Leben des Weisen - Seneca

Devino M., Sonntag, 16. Juni 2019, 23:06 (vor 180 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Das Leben ist kurz [De brevitate vitae] 15

Das Leben des Weisen erstreckt sich also über einen weiten Raum, ihn schließen nicht die gleichen Grenzen ein wie die übrigen Menschen. Er allein ist frei von den Zwängen der menschlichen Natur. Alle Jahrhunderte dienen ihm wie einem Gott. Ist eine Zeit für ihn vergangen, dann hält er sie in der Erinnerung fest. Ist sie gegenwärtig, nutzt er sie. Wird sie kommen, dann nimmt er sie vorweg. Sein Leben wird dadurch lang, dass er alle Zeiten in eine einzige zusammenfasst.
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Der Weisheit sind tatsächlich keine Grenzen gesetzt. Es spielt auf die meisten Dinge bezogen nicht einmal eine Rolle, aus welcher Zeitepoche die jeweils zugehörige Weisheit stammt. Einer der in der Weisheit aufgeht, der geht in der zeitlosen Weisheit auf. Das größte Denkmal ist der Weise dadurch selbst.

Im Denkmal geht nur das Vergängliche auf, und keine Weisheit, auch kein Weiser. Somit sucht sich ein Weiser sicherlich kein steinernes Denkmal zu setzen. Doch die Weisheit, die er einbringt und woran er andere Teilhaben lässt, das ist sein Denkmal.

Letztlich ist es oft eine Frage der Bestimmung. Und oft geht etwas erst richtig auf, nachdem der Verursacher weitergegangen ist, bis erkannt wird, mit welcher Tragweite etwas einhergeht.

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