Einen Philosophen höre ich... - Seneca (alle)

Devino M., Sonntag, 14. April 2019, 12:43 (vor 238 Tagen)

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 76

Einen Philosophen höre ich, und zwar ist es schon der fünfte Tag, seit ich in seine Vorlesung gehe und ab der achten Stunde seinen Darlegungen lausche. "Im rechten Alter", wirfst du ein. Wieso sollte es nicht das rechte sein? Gibt es etwas Dümmeres, als bloß deshalb nicht mehr lernen zu wollen, weil man schon lange nicht mehr gelernt hat? "Soll ich mich denn genauso verhalten wie die Snobs und die jungen Burschen?" Es steht wirklich gut um mich, wenn dies das einzige ist, was meinem hohen Alter unangemessen ist. Menschen jeden Alters haben zu dieser Schule Zutritt. "Sollen wir dafür alt werden, um uns an der Jugend ein Beispiel zu nehmen?" Ins Theater soll ich als alter Mann noch gehen, soll mich in den Zirkus tragen lassen, und kein Gladiatorenpaar soll, ohne dass ich zuschaue, auf Leben und Tod kämpfen? Hingegen soll ich erröten, wenn ich einen Philosophen aufsuche?

Man muss so lange lernen, wie man etwas nicht weiß; und wenn wir dem Sprichwort glauben, ein Leben lang. In keiner Hinsicht passt das besser als in dieser: Wie man leben soll, hat man sein Leben lang zu lernen. Doch auch ich lehre dort etwas. Du fragst, was ich lehre? Dass man auch als alter Mann noch lernen muss.

Ich schäme mich allerdings der ganzen Menschheit, sooft ich zur Vorlesung gehe. Direkt am Theater von Neapel muss man, wie du weißt, vorbeigehen, will man zum Hause des Metronax. Das Theater ist freilich brechend voll, und mit ungeheurem Eifer beurteilt man die Fähigkeiten eines Flötenspielers; auch ein griechischer Tubabläser und ein Ausrufer haben großen Zulauf. Doch an dem Ort, wo man untersucht, was einen guten Mann ausmacht, wo man lernt, gut zu werden, da sitzen nur ganz wenige, und diese haben in den Augen der meisten Leute sonst keine sinnvolle Beschäftigung, der sie nachgehen.
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Der Geist wird nicht alt. Die Seele wird zwar älter, aber sie kann nicht zu alt werden. Und in dem man dieses in sich selbst pflegt, wird man mit jeweiligem zusammengenommen auch nicht alt.

Es wäre daher viel besser, wenn alle Bildungsmöglichkeit [jedenfalls so lange keine hochwertigen Materialien dafür benötigt oder dadurch verbraucht werden u.dgl.m.] von der Allgemeinheit finanziert werden, und jeder sich überall hinbegeben kann, um etwas zu lernen, von dem was er lernen möchte. Ohne dass Alter oder sonstiger Hintergrund auch nur die geringste Rolle hierbei spielen. Damit würde auch das Alter in der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle nur noch erhalten.

Ebenso gibt es sicherlich gute Lehrer, vielleicht bessere als diejenigen die heute lehren, doch erhalten sie nicht die Möglichkeiten zum lehren. Weil sie womöglich diese oder jene Bildungslaufbahn nicht vollzogen haben, um in dieser oder jener Lehreinrichtung als Lehrer anerkannt zu werden. Dabei sind sie vielleicht auch gerade deswegen bessere Lehrer geworden, weil sie nicht unnötige Umwege auf sich nahmen.

Was wäre doch alles an gesünderer gesellschaftlicher Entwicklung möglich, wenn das Kapital nicht die vorrangige und entscheidende Rolle erhielte. Es wäre eine ganz andere Freiheit damit ermöglicht. Ein gesunder Geist kann daher gar nicht einverstanden damit sein, mit den heutigen Umständen, denn er kann nicht das ihm Gottgegebene Vermächtnis so leben, wie es diesem angemessen wäre.

Mit dem Leben im Einklang stehen - Seneca

Devino M., Sonntag, 14. April 2019, 16:22 (vor 238 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 75

Du beklagst dich darüber, dass meine Briefe an dich nicht sorgfältig genug formuliert sind. Doch wer redet schon ganz gewählt außer dem, der gespreizt sprechen will? So wie meine Sprache wäre, wenn wir beisammensäßen oder gemeinsam Spaziergänge machten, nämlich ungekünstelt und salopp, so wünsche ich mir auch meine Briefe, die nichts Gesuchtes oder Erzwungenes an sich haben.
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Zwar möchte ich, beim Hercules, nicht, dass nüchtern und trocken ist, was über so wichtige Themen gesagt wird (denn auch die Philosophie verzichtet nicht auf Geist), trotzdem darf man auf den Stil nicht so viel Mühe verwenden.

Dies sei unser oberster Grundsatz: Was wir denken, wollen wir sagen, und was wir sagen, wollen wir denken. Die Worte sollen mit dem Leben in Einklang stehen. Der hat sein Versprechen erfüllt, der, sowohl wenn man ihn sieht als auch wenn man ihn hört, ein und derselbe ist.
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Unsere Worte sollen nicht unterhalten, sondern nützen. Falls jedoch jemand, ohne sehr zu suchen, über rhetorische Fähigkeiten verfügt, falls sie bereitstehen oder wenig Aufwand erfordern, dann mögen sie eingesetzt werden und die herrlichsten Gedanken unterstreichen: aber eben so, dass sie eher die Ideen als sich selbst in den Vordergrund rücken.

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Die Stärke des Männlichen liegt darin, dass auszudrücken, wie etwas ist. Die Stärke des Weiblichen liegt im dynamischen Umgang, mit dem, was da ist. Wenn man jedoch selbst das nicht erfüllt, was man sagt, dann nennt sich dieses Luschenhaftigkeit.

Stärke ist es also, zu dem zu stehen, was da ist. Härte nach außen hin ist oft dann da, weil innerlich eine Luschenhaftigkeit vorhanden ist, und im Gegenzug zu dieser, wird dann Härte entwickelt, an der Stelle, wo sie unnütz oder unangebracht ist.

Auch ist es eine Frage, woher etwas kommt. Denn klar ist, ohne etwas anzufassen, kann sich nichts tun, selbst also um über den Alltag zu kommen, ist man mehr oder weniger gezwungen das anzufassen und damit zu arbeiten was da ist. Allerdings ist ja nicht alles von uns allein her da. Bekommt man z.B. etwas mit viel Potenz einer bestimmten Art bereitgestellt, dann neigt man schnell selber dazu, jeweiliges in sich nur rudimentär zu entwickeln. Und ist das von der Allgemeinheit Bereitgestellte nicht mehr da, dann entstehen oft unausgewogene Extreme, zu denen dann einer neigt, um das was eher fehlt, anderweit zu kompensieren, oder auf Kosten anderer Dinge zu erwirken.

Das Erfüllen von Versprechen - Seneca

Devino M., Sonntag, 14. April 2019, 16:38 (vor 238 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 114

Deshalb müssen wir unseren Geist sorgfältig pflegen: Ihm entspringen die Gedanken, ihm die Worte; er prägt unsere Haltung, unseren Gesichtsausdruck, unseren Gang. Ist er gesund und kräftig, ist auch die Sprache kraftvoll, stark und männlich.
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Es ist wahrlich keine Leistung, den Geist so schwächen zu wollen, dass er den Körperlichen Zuständen entspricht, und den Geist an die Verkörperung anpassen zu versuchen. Eine Leistung ist es, die Verkörperung an den Geist anzupassen und dem Geist entsprechen zu lassen. Allerdings ist es fast schon eine Kunst, das was unbegrenzt ist, glauben zu lassen, es sei begrenzt. Und den Geist dann von Schwächen überzeugen zu suchen.

Was doch der Geist alles zu leisten vermag. Er entspricht dem Glauben desjenigen, wie einer denkt und wofür er sich anschickt, seinen eigenen Geist zu gebrauchen.

Im Grunde erfüllen wir uns mit unserem Geist selbst stets das Versprechen, derjenige zu sein, wovon wir unseren Geist zu überzeugen wissen.

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