Psychologie der Massen - Le Bon (alle)

Devino M., Sonntag, 10. Februar 2019, 13:51 (vor 156 Tagen)

Die Massenseele
1.B.1.K. Allgemeine Kennzeichen der Massen -
Das psychologische Gesetz von ihrer seelischen Einheit

Das Schwinden der bewussten Persönlichkeit und die Orientierung der Gefühle und Gedanken nach einer bestimmten Richtung, die ersten Vorstöße der Masse auf dem Weg, sich zu organisieren, erfordern nicht immer die gleichzeitige Anwesenheit mehrerer einzelner an einem einzigen Ort. Tausende von getrennten einzelnen können im gegebenen Augenblick unter dem Einfluss gewisser heftiger Gemütsbewegungen, etwa eines großen nationalen Ereignisses, die Kennzeichen einer psychologischen Masse annehmen. Irgendein Zufall, der sie vereinigt, genügt dann, dass ihre Handlungen sogleich die besondere Form der Massenhandlungen annehmen. In gewissen historischen Augenblicken kann ein halbes Dutzend Menschen eine psychologische Masse ausmachen, während hunderte zufällig vereinigte Menschen sie nicht bilden können. Andererseits kann bisweilen ein ganzes Volk ohne sichtbare Zusammenscharung unter dem Druck gewisser Einflüsse zur Masse werden.
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Geht man davon aus, dass eine bestimmte Masse sich erst in einem Raum einfinden muss, so hat man damit ganz recht. Denn sofern sie zu einer Masse vereint sind, ist ja eine Gemeinsamkeit vorweg anzunehmen, wodurch ein Übereinkommen erst erfolgt. Doch nimmt man an, es müssen Räumlichkeiten sein, worin man andere physisch sehen kann, dann irrt man sich. Denn man nimmt dann nur einen einzigen Raum, nämlich den Physischen allein als reell gegeben an. Sodann müsste man sich allein als lediglich physisch vorhanden dazu denken. Soweit man Emotionen und Gefühl nicht sieht, heißt es doch nur, dass sie auch dem physisch-sichtbaren Raum nicht angehören. Sodann ist die Folgerung unweit, zu sagen, dass sie also zwar in irgend einer Art von Raum sich zusammenfinden (denn sonst gäbe es ja keinerlei Verbindung), doch wird der Raum also nicht dieser Art von Begrenzung durch physische Wände um einen meinen.

Die nächste hierzu erforderliche Annahme ist, dass sofern z.B. ein Nationalgefühl da ist, und man sich einem bestimmten Land verbunden sieht, und sofern dieses selbige Nationalgefühl auch von anderen in selbiger Weise hervorgerufen wird, und es nicht bloß einem beliebig ähnlichem Gefühl also entspricht, dass es einen gemeinsamen Raum hierfür geben muss. Der geistige Raum braucht selbstredend also nicht als Raum vorgestellt sein, es kann auch als eine Summe eines kollektiven Willens angenommen werden. Sofern dieser jedoch nicht nur vom Einzelnen in beliebiger Weise reproduziert wird, sondern eindeutige Kennzeichen einer Einheit bildet, ist es also unabdingbar, dass dieses einen Raum hat [welcher Art auch immer], zudem also der jeweils Zugehörige sich auch erst als eindeutig zugehörig empfindet [und dieses also aus dem jeweiligen Raum und der Anwesenheit darin hervorruft].

Unter diesen Annahmen, kann man zur Analyse übergehen, wie sich ein kollektiver Wille Ausdruck verschafft. Was kollektiv eine Masse ausmacht. Und auch welche Psychologie dem zugrunde liegt, oder worin sich dieses vom Individuum unterscheidet. Auch was die bestimmten und besonderen Eigenheiten dazu sind u.dgl.m.

Die Massenseele - Le Bon

Devino M., Sonntag, 10. Februar 2019, 14:11 (vor 156 Tagen) @ Devino M.

Die Massenseele
1.B.1.K. Allgemeine Kennzeichen der Massen -
Das psychologische Gesetz von ihrer seelischen Einheit

Die genaue Schilderung der Massenseele ist nicht leicht, weil ihre Organisation nicht bloß nach Rasse und Zusammensetzung der Gesamtheit, sondern auch nach der Natur und dem Grade der Anreize schwankt, denen diese Gesamtheit unterliegt. Aber dieselbe Schwierigkeit besteht für das psychologische Studium jedes beliebigen Wesens. Nur in Romanen, aber nicht im wirklichen Leben haben die einzelnen einen beständigen Charakter aufzuweisen. Allein die Gleichförmigkeit der Umgebung schafft die sichtbare Gleichartigkeit der Charaktere. Ich habe anderwärts gezeigt, dass alle geistigen Beschaffenheiten Charaktermöglichkeiten enthalten, die sich unter dem Einfluss eines jähen Umgebungswechsels offenbaren können. So befanden sich unter den wildesten, grausamsten Konventmitgliedern gutmütige Bürger, die unter normalen Verhältnissen friedliche Notare oder ehrsame Beamte geworden wären.
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Wer wäre nun für alle Grausamkeiten die hervorgerufen wurden verantwortlich? Die Umstände allein? Denn wären diese andere, so gäbe es diese Grausamkeiten folglich nicht. Und selbst wenn die Masse nun sich auch aus dem Einzelnen bildet, so ist es ja nicht der höchste Grad der Bildung, der dort eingebracht wird. Es ist zwar alles enthalten, allerdings auch nur für den, dem es zugänglich ist, was einer also auch erschlossen hat. Allerdings ist das geringste Niveau auch enthalten, und dies unausweichlich. Während das höchste Gut, nicht notwendig enthalten ist, sofern die entsprechenden Ebenen nicht notwendig einbezogen sind oder allen in gleicher Weise zugänglich. Notwendig einbezogen ist allerdings das Geringste [weil es vom geistigen Raum her gar nicht anders kann], denn diesem ließe sich nur dadurch entziehen, wenn man auf den Ebenen nicht Zugange ist. Allerdings müsste man dann bei den meisten Dingen eine entkörperte Seele sein, die von den jeweiligen Schwingungen nicht mehr angetroffen werden kann.

Vergemeinschaftlichung - Le Bon

Devino M., Sonntag, 10. Februar 2019, 14:37 (vor 156 Tagen) @ Devino M.

Die Massenseele
1.B.1.K. Allgemeine Kennzeichen der Massen -
Das psychologische Gesetz von ihrer seelischen Einheit

Das Überraschendste an einer psychologischen Masse ist: welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigungen, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt gewisse Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen einzelnen auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.
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Eben diese allgemeinen Charaktereigenschaften, die vom Unbewussten beherrscht werden und der Mehrzahl der normalen Angehörigen einer Rasse ziemlich gleichmäßig eigen sind, werden in den Massen vergemeinschaftlicht. In der Gemeinschaftsseele verwischen sich die Verstandesfähigkeiten und damit auch die Persönlichkeit der einzelnen. Das Ungleichartige versinkt im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen.

Eben die Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften erklärt uns, warum die Massen niemals Handlungen ausführen können, die eine besondere Intelligenz beanspruchen. Die Entscheidungen von allgemeinem Interesse, die von einer Versammlung hervorragender, aber verschiedenartiger Leute getroffen werden, sind jenen, welche eine Versammlung von Dummköpfen treffen würde, nicht merklich überlegen. Sie können in der Tat nur die mittelmäßigen Allerweltseigenschaften vergemeinschaftlichen. Die Masse nimmt nicht den Geist, sondern nur die Mittelmäßigkeit in sich auf. Es hat nicht, wie man so oft wiederholt, die "ganze Welt mehr Geist als Voltaire", sondern Voltaire hat zweifellos mehr Geist als die "ganze Welt", wenn man unter dieser die Massen versteht.
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Daraus erhellt sich wohl vieles von den Umständen die heutige (oder auch allgemein: die bisherige) Welt betreffend. Denn die Mehrheit und Masse bildet sich nicht aus den Glanzleistungen einzelner, sondern aus der Masse. Das ist auch die Ursache, warum die Welt nicht in den höchsten Errungenschaften schwelgt, sondern in dem, was in Summe in ihr ist.

Auch deswegen lässt sich sagen, dass die Masse sich mehrheitlich negativ als positiv beeinflusst. Nicht für sich als Gefühl genommen, dass mag dadurch unermesslich steigen, sondern auf das geistige Niveau und Naturell bezogen. Wäre das nämlich alles auf einem höheren Stand, dann wäre es viel leichter, gewisse Dinge zu erledigen, die doch für den Einzelnen eigentlich zur Vernunft zählen, er sie dennoch in der Weise nicht ausführt, oft dann auch nicht, selbst wenn er von sich aus dies eigentlich wollen wollte.

Nur kann sich dies auch nicht so wandeln für die Mehrheit, dass sich die vergemeinschaftlichen Dinge unbedingt positiv auswirken. Denn es wird ja dabei bleiben, dass der einzelne weiter sein muss, als das, was die Masse ausmacht. Lediglich für einen geringeren Anteil von Nachzüglern (vielleicht 1/3) kann die Massenwirkung positiver Natur sein und zum insgesamt Positiven hin stimulieren. All dies sollte bereits einleuchten, und evident zur notwendigen Deduktion aus dem Vorerwähnten führen.

Also ist es auch erforderlich für einen jeden Geistesmenschen, besser zu sein, als die Masse. Denn möchte man sich nur von der Masse ziehen lassen, dann sollte man sich unbedingt ganz hinten anstellen, dann ist die Zugkraft mit am größten! Desweiteren sollte dies auch die Notwendigkeit für den geistigen Fortschritt für alle nahelegen, und warum es so Wichtigkeit ist, dass eine Mehrheit (in etwa 2/3) erforderlich ist, um wirklich einen größeren Wandel auf Erden zu ermöglichen. Dazu ist es ja auch die Masse, wie weit jemand vom bloßen Mutwillen abgesehen unter ein gewisses Niveau fallen kann, oder dieses in der Masse keine Tragkraft und Tragweite mehr findet.

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