Aristoteles: Freiheit lässt sich nicht befehligen (alle)

Devino M., Sonntag, 17. Januar 2021, 10:53 (vor 40 Tagen) @ Devino M.

"Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave."

- Aristoteles -
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Dem Geist, der von seiner Versklavung überzeugt ist, lässt sich wohl mit Gleichnissen am besten annähern, worin er sich dann selbst seine Gedanken um die Dinge machen kann, statt etwas konkretes nahegelegt zu bekommen, ohne sich selbst damit noch weiter befassen zu brauchen. Daher nehmen wir uns ein Gleichnis von einem Herren und seinen Sklaven vor.

Es war also ein Herr und sein Knecht. Der Knecht hatte für besondere Dienste einen Tag frei erhalten und bekam von seinem Herren sogar verschiedene Annehmlichkeiten angeboten. Der Sklave fragte, worin der Herr seine größte Freiheit sieht und was er an einem Tag machen würde, der von ihm keinerlei Pflichten abverlangte. Als der Herr seinem Knecht dies alles erzählte und auch dafür alle Mittel anbot dieses an dem Tag erleben zu können, machte sich der Knecht also daran dieses alles zu erleben. Auch gehörte ein Ausritt auf einem Ross dazu, wohin auch immer Ross und Reiter hinwollten. So verbrachte der Sklave also den Tag so, als wäre er der Herr und genoss verschiedene Annehmlichkeiten.

Am nächsten Tag treffen sich also Herr und Knecht erneut und der Herr fragt, wie es dem Knecht so erging. Der Knecht erzählte von den Aktivitäten, war jedoch völlig erschöpft in Anbetracht der erlebten Aktivitäten, welche seinem Geist offenbar mehr abforderten, als er an seinen arbeitsreichen Tag gewohnt ist zu erbringen. Nicht lange drauf bot der Herr dem Knecht für einige Stunden eine Pause. Der Knecht ging also und setzte sich unter einen Baum, wo er für gewöhnlich auszuruhen pflegte. Er kehrte in sich und stellte sich vor, wie er als freier Mann auf einem Ross durch Felder, Wälder und Wiesen ritt und war kurz darauf von einer gewissen Glückseligkeit erfüllt, da er sich innerlich als frei empfand. Kurz darauf sah der Herr seinen Knecht glückselig unter dem Baum ruhend, wie er selbst kaum solch Glück empfand. Er fragte nach dem Grund der Freude. Der Knecht erzählte ihm, dass er sich vorstelle, als ein freier Mann mit einem Ross durch die Felder zu reiten. Der Herr fragte, ob der Mann dieses nicht gestern leibhaftig doch ebenfalls erfahren durfte, und dennoch war er davon offenbar nicht so glücklich erfüllt worden?

Nun, der Knecht war am Vortag noch stets darum bemüht, genau das zu erleben, was der Herr als seine Freiheit ansieht oder in seiner Freizeit zu tun gedachte. Und selbst also solches dazu gehörig, worin der Knecht allein in seiner Vorstellung schon volle Freiheit empfand, so empfand er es nicht, als er genau das erleben wollte. Er war an dem Tag, wie an jedem anderen Tag, nur darum bemüht, das zu erfüllen, was von seinem Herren anbefohlen wird. Auch wenn es ihm nicht anbefohlen war, so führte der Knecht dennoch nur das aus, was der Herr im erzählt hatte. Hätte er sich innerlich gelöst und wäre geflohen um diese Freiheit zu leben, so wäre er stets nur auf der Flucht und hätte ebenfalls diese Freiheit nicht erlebt, wie er sie empfindet, wenn er nur von seiner Freiheit vor sich träumt. So ist er in seinem Traum frei und keine äußere Betätigung verhilft dazu, ebenfalls diese Freiheit darin erfahren zu können.

Wie ist es um die Menschliche Freiheit bestellt? Ist es nicht auch so, dass sie in allem sich stets darum mühen, die Freiheit darin zu erleben, was als Freiheit erzählt und nahegelegt wird? Viele füllen ihren Tag mit vielen Aktivitäten aus, mit mehr oder weniger selbstsüchtigem Interesse, und fordern vom Tag, dass er ihnen die ersehnte Freiheit bringt. Aber es liegt nicht am Tag, sondern an den Beweggründen. Statt die Freiheit zu erfassen und zu leben, wird Freiheit in allem nur gesucht, was bereits vertraut und bekannt ist, doch ist dies genau das, woran man auch ehedem schon war. Man kann Freiheit nicht lehren und auch nicht befehligen, wenn man darauf wartet, also die Freiheit beigebracht und anbefohlen zu bekommen, dann wird man nicht von dem weichen, was einem scheinbar innerlich Sicherheit gibt und schon lange vertrag war. Ein freier Herr befehligt sich selbst und ist darin vor allem frei. Ist man nur gewohnt, auf das zu hören, was von außen kommt, um dann darauf so und so oder so herum zu reagieren, dann hat man die Freiheit zugunsten des Hörensagens selbst hingegeben. Ob man nun dem Gehörten folgt oder sogar vorsätzlich das Gegenteil davon macht, so ist alles Tun nicht unabhängig vom Gehörten, sondern alles Agieren setzt nur auf dem Gehörten und Vertrauten an.

Was wäre aber ohne etwas Gehörtes, wäre es immer noch die gleiche Betätigung dann und würde diese auf die selbe Art ausgeführt, wie ohne etwas vorher aufgenommen zu haben? Hätte also der Knecht nicht erst seinen Herren befragt, sondern selbst entschieden, was er an dem Tag machen wollte, und hätte sich womöglich sogar nur unter seinen Baum gesetzt, worunter er auszuruhen pflegte, und dort den ganzen Tag verbracht, wäre er nicht dann mehr sein eigener Herr gewesen und hätte er nicht womöglich mehr Freiheit erlebt? So sollte man die äußeren Dinge nicht als Freiheit auffassen, sie beinhalten nicht die Freiheit, zu der man sich selbst führen kann, wenn man seiner eigenen Eingebung aufrecht gehorcht. Die Freiheit liegt in der eigenen Seele und darin nur, den eigenen Seelenimpulsen und Empfindungen zu gehorchen, statt bloß äußeren Lehren, ohne diese mindestens verinnerlichten zu haben und an der Stelle auch sie von der eigenen Seele her zu leben. Dann spielt alles äußere keine wirkliche Bedeutung und auch hängt da keine Freiheit oder Unfreiheit darin, außer in dem, wie man damit umgeht, aber gar nicht so sehr abhängig davon, was es im einzelnen äußerlich ist oder darstellt.


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