Die Kunst zu Leben - Seneca (alle)

Devino M., Sonntag, 28. April 2019, 20:34 (vor 229 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 61

Wir müssen uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten. Das Dasein ist mit allem reichlich versehen, doch uns verlangt es nach weiteren Möglichkeiten zum Leben. Wir haben den Eindruck, als fehle uns etwas, und werden immer diesen Eindruck haben. Doch für ein ausreichend langes Leben sorgen weder Jahre noch Tage, sondern die innere Einstellung. Ich habe, liebster Lucius, genug gelebt; satt und zufrieden sehe ich dem Tod entgegen.
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Man kann also ein reichhaltiges Leben führen, mit allem was dazu gehört, und doch vielleicht nur ganz oberflächlich. Nichts davon bleibt am Ende womöglich in uns, wenn wir es nur vergehen lassen. Erst unser Innerstes trägt das erforderliche Bewusstsein dazu bei, um alles irgendwo wertschätzen zu können. Letztlich damit dieses auch in uns zu beleben, so dass es uns also im Speicher seelischer Erinnerung verbleibt. Damit es nicht nur mit den äußeren Dingen an und für sich nur vergeht.

Was zählen also mehr oder weniger Jahre, wenn man sie nicht bewusst (er)lebt?

Die Kunst zu Leben ist wohl durchaus die, so zu leben, als könnte jeder Tag der letzte sein. Mit fast allem anderen macht man sich nämlich nur etwas vor. Man betört sich damit, dass alles nur so weitergeht, wie man es bisher gekannt hat. Und setzt voraus, dass alles so weiter geht. Um dann mit Bedauern festzustellen, wenn sich plötzlich etwas verändert hat, womit man so nicht gerechnet hatte.


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