Wer täglich seine Hand an sein Leben legt - Seneca (alle)

Devino M., Montag, 22. April 2019, 20:26 (vor 230 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 101

Wir sollten uns innerlich so einstellen, als sei das Ende schon ganz nahe. Schieben wir nichts auf! Rechnen wir täglich mit dem Leben ab! Der größte Fehler des Lebens ist, dass es stets unvollendet bleibt, dass immer etwas hinausgezögert wird. Wer täglich letzte Hand an sein Leben legt, ist unabhängig von der Zeit. Doch aus der Zeitnot erwächst die Angst und das die Seele verzehrende Verlangen nach Zukunft.

Wenn ich jedoch alles, was ich mir schuldig war, geleistet habe, wenn ich, innerlich ganz gefestigt, weiß, dass es keinen Unterschied gibt zwischen einem Tag und einem Jahrhundert, dann schaue ich von oben auf alle noch kommenden Tage und Geschehnisse und denke mit heiterem Lächeln an den Strom der Zeit.

Darum, mein Lucilius, fang gleich an und betrachte jeden Tag als ein ganzes Leben! Wer sich so gerüstet hat, wer täglich ein erfülltes Dasein führt, der ist frei von Sorge. Den Menschen, die auf die Hoffnung hin leben, entgleitet die unmittelbare Gegenwart, Gier stellt sich ein und die erbärmlichste Furcht, die auch alles andere erbärmlich macht, die Furcht vor dem Tode.
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Den größeren Überblick hat ja doch die Seele. So wie sie die Erfahrung aus vielen Leben einbezieht, ist ein einziges Leben dagegen doch nur zu vergänglich. Und schließlich weiß die Seele auch weit mehr, was sie bereits alles hinter sich hat, und was wovon noch gebraucht wird.

Man mag sich zwar ein Ideal leicht vorstellen, doch selten wird man so das Leben aufbauen können, dass es diesem entspricht. Einfach weil alles nicht genauso liegt, dass es einem möglich sei, und weil oft viel mehr mit den zugehörigen Dingen verbunden ist, als dass sich alles nur ums entsprechende Ideal anordnen würde. Und dann bleibt immer noch die Frage, ob das Ideal eher irgendwelchen Mehrheitswünschen entspringt, oder ob es tatsächlich dem entspricht, was zur eigenen Seelennatur gehört. Letztlich wird es sich daran ausmachen, wie glücklich man damit ist.

Es ist vergleichbar damit, dass man sich bei vielen anderen dasjenige anschaut, was man auch für sich selber wünscht oder gut fände, jedoch oft die Kehrseite davon übersieht. Oder eben dasjenige, was erforderlich war, um dahin zu gelangen. Es bleibt alles nicht nur bei den erwünschten Effekten. Umgekehrt, erst wenn man die unerwünschten Seiten davon mit der Zeit abgewickelt hat, ergibt sich auch das Erwünschte daraus. Und dann dennoch die Frage, ist man damit dann auch wirklich glücklich?

Oder ist es doch alles schon so, wie es sollte? Wie es jetzt einem entspricht, und sonst wäre alles nicht so, wie es ist? Entscheidend ist doch schließlich das, woran man täglich Hand an seinem Leben legt. Das was man kaum registriert, einfach weil es irgendwie dazu gehört. Und vielleicht ist es alles nur eine Frage dessen, mit welcher Einstellung man woran geht...


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