Entlasse dich selbst in die Freiheit - Seneca (alle)

Devino M., Sonntag, 21. April 2019, 16:16 (vor 236 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 1

Mache es so, mein Lucilius: Entlasse dich selbst in die Freiheit und sammle und bewahre die Zeit, die dir bisher geraubt oder heimlich gestohlen wurde oder einfach so entglitt. Sei überzeugt, es ist schon so, wie ich schreibe: Manche Zeiten werden uns entrissen, andere entzogen und wieder andere verrinnen. Doch am schimpflichsten ist der Verlust, der durch Nachlässigkeit verursacht wird. Und wenn du einmal genauer hinschaust: Ein großer Teil des Lebens entgleitet den Menschen, indem sie Verwerfliches tun, der größte, indem sie gar nichts tun, und das ganze Leben, indem sie etwas tun, was zu ihrer Person keinen Bezug hat. Wen kannst du mir zeigen, der in der Zeit einen Wert sieht, der den einzelnen Tag zu schätzen weiß, der begreift, dass er täglich stirbt? Darin nämlich täuschen wir uns, dass wir den Tod nur vor uns sehen: Ein großer Teil von ihm ist schon Vergangenheit. Alle Lebenszeit, die hinter uns liegt, gehört dem Tod.
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Die größte Nachlässigkeit treibt ein jeder wider sich selbst. Auf alles was als außerhalb kommend gilt, wird so geachtet, als wäre es schnell verschwendete Zeit, sofern es einem nicht sogleich zugute gerechnet werden kann. Doch was man selber an Lebenszeit nur so vergeudet, darauf achtet nahezu keiner. Denn es wird als Gewinn angesehen, sofern man im eigenen Interesse handelt. Dabei ist das was man schon hat, selten ein Gewinn.

Bis zu einem gewissen Grad wird die eigne Seele zwar mit dem Subjektiven Eindruck beisteuern, wodurch einem aufgezeigt ist, was einem mehr oder was weniger entspricht. Allerdings, bei dem was einem als gewöhnlich erscheint, dem begegnet man meist auch mit der selben gewöhnlichen Gesinnung, ohne stärker auf Seelenimpulse noch zu achten.

Warum nur bedarf es oft irgendwelcher Schicksalsschläge, bevor jemand erwacht und plötzlich die Lebenszeit zu schätzen weiß? Die gesündere Einstellung dazu ist, anzunehmen, dass das Leben nicht einem allein gehört, und man es für alles mit-lebt, was dazu beitrug, dass man so leben darf, wie man kann. Dazu auch so, dass man alles tut, aus freien Stücken, nicht weil es zwingend erforderlich ist. Es mag zwar etwas erforderlich sein, dennoch behält man sich die Freiheit darin, dass man genauso auch sterben könnte oder ebenso in dem Moment tot sein könnte, ohne dieses also tun zu können.


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