Lebensgewohnheiten - Seneca (alle)

Devino M., Sonntag, 07. April 2019, 11:27 (vor 16 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Briefe an Lucius [Epistulae ad Lucilium] 108

Sotion pflegte darzulegen, warum Pythagoras kein Fleisch gegessen hatte und warum Sextius später dasselbe tat. Beide hatten einen unterschiedlichen Grund, aber beide einen ehrenwerten. Sextius glaubte, es gebe für den Menschen genügend unblutige Nahrung und man gewöhne sich an die Grausamkeit, wenn man Tiere bloß zum Genuss auseinaderreiße.
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Phytagors dagegen betonte, alles sei mit allem verwandt und es gebe einen Austausch unter den Seelen, die in immer wieder andere Formen übergingen. Keine Seele, schenkt man ihm Glauben, geht zugrunde oder macht auch nur eine Pause, es sei den für ganz kurze Zeit, bevor sie eine neue Gestalt annimmt.
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Unter ihrem Einfluss fing ich an, kein Fleisch mehr zu essen, und nach Ablauf eines Jahres fiel mir dies nicht bloß leicht, sondern wurde zu einer angenehmen Gewohnheit. Ich hatte den Eindruck, mein Geist sei lebendiger, und ich könnte dir noch heute nicht sagen, ob es wirklich so war. Du fragst, wieso ich das wieder aufgab?

Meine Jungend viel in die Anfangszeit des Kaisers Tiberius. Damals wurden fremdländische Gottesdienste verboten, und der Verzicht auf bestimmte Fleischsorten galt als Beweis des Aberglaubens. Daher nahm ich auf Bitten meines Vaters, der zwar keine verleumderische Anklage fürchtete, aber die Philosophie hasste, meine alte Gewohnheit wieder an. Und es fiel ihm nicht schwer, mich zu besserem Essen zu überreden.
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All das habe ich erzählt, um dir zu zeigen, mit welcher Energie sich junge Menschen zu Beginn ihrer Ausbildung auf alles Gute stürzen, wenn sie nur jemand ermuntert und anspornt.

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Ja, manche Lebensauffassung und Lebensgewohnheit ist definitiv besser als eine andere. Allerdings ist es auch wesentlich darauf zu achten, in welchem Lebensumfeld man sich bewegt. Und auch was es allgemein für Auswirkungen auf das Umfeld nach sich zieht, und dann abwägen, in welchem Zusammenhang man sich befindet. Denn vieles bedeutet in einem Zusammenhang das eine und in einem anderen Zusammenhang etwas anderes.

Es zählt der umfassendere Zusammenhang mehr. Dies geht daraus hervor, wenn man sich fragt, was länger überdauert, und was mehr Menschen als nur einen Einzelnen anbetrifft. Sterben tut ein jeder Mensch auf die eine oder andere Weise ohnehin. Die Trends der Massen ändern sich allerdings noch schneller, nicht jedoch die Kultur, die überdauert einiges mehr. Die Rasse als solches überdauert noch wesentlich länger. Und es betrifft auch ein anderes Spektrum sodann.

Die Entwicklung muss zwangsläufig in die Richtung gehen, dass alles leichter wird, was die Grobstofflichkeit anbetrifft. Und ohne Fleisch zu sich zu nehmen, wird es dass in dem Sinne auch und man mag so auch empfindsamer sein. Andererseits, ist es eine Frage dessen, in welchem gesellschaftlichen Verhältnis man sich befindet und was es dann für eine Bedeutung einnimmt, und dies nicht nur vom rein individuellen Standpunkt. Denn davon sich abzusondern, nimmt lediglich einem die Möglichkeiten, dies nach und nach positiv zu beeinflussen, und macht ansonsten noch gar nichts besser.

Denn man könnte ja auch ebenso sagen, dass der größere Nutzen darin bestünde, nichts mehr von der Welt zu sich aufzunehmen, und gar aus der Welt der verkörperten Lebenden zu scheiden. Nur warum ist man dann überhaupt erst hergekommen und überhaupt hier?


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