Liebreizungen - Seneca (alle)

Devino M., Samstag, 30. März 2019, 11:17 (vor 108 Tagen) @ Devino M.

Seneca: Trostschrift an die Mutter Helvia [Consolatio ad Helviam matrem]

Gleichgültig, von welchen Erdenfleck aus sich der Blick zum Himmel erhebt, der Abstand zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt ist überall gleich. Solange sich daher meine Augen von diesem Schauspiel, an dem sie sich nicht satt sehen können, abwenden müssen, solange es mir vergönnt ist, Sonne und Mond zu betrachten, solange ich mich in die übrigen Gestirne versenken, ihre gegenseitigen Entfernungen und Gründe ihres mal rascheren, mal langsameren Dahingleitens erforschen, solange ich das Meer der durch die Nacht funkelnden Sterne schauen kann..., solange ich meinen Geist, der sich danach sehnt, Verwandtes zu schauen, immer nach oben richte: was kümmert es mich wo ich hintrete?
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Das Maß und die Entfernung der äußeren Dinge ist eine Sache, und das Maß und die Entfernung des Inneren ist eine andere. Und eine dritte Sache ist das Verhältnis zu allem.

Denn es können mehrere das selbe Schauen und doch etwas ganz anderes sehen und erkennen. Und wer will sagen, er möchte lieber das Unschöne als das Schöne in allen Dingen sehen? Ist man nicht weit glücklicher also damit, was man worin an guten Dingen zu erkennen vermag?

Natürlich mögen einem irgendwelche Liebreizungen zufunkeln, darum geht es nicht. Es geht nicht um Begehrlichkeit, es geht um den Abstand zwischen dem Göttlichen an sich und der einem naturgegebenen Erfahrungswelt. Das Verhältnis dazu bildet ein jeder selbst.


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