Vergemeinschaftlichung - Le Bon (alle)

Devino M., Sonntag, 10. Februar 2019, 14:37 (vor 156 Tagen) @ Devino M.

Die Massenseele
1.B.1.K. Allgemeine Kennzeichen der Massen -
Das psychologische Gesetz von ihrer seelischen Einheit

Das Überraschendste an einer psychologischen Masse ist: welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigungen, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt gewisse Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen einzelnen auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.
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Eben diese allgemeinen Charaktereigenschaften, die vom Unbewussten beherrscht werden und der Mehrzahl der normalen Angehörigen einer Rasse ziemlich gleichmäßig eigen sind, werden in den Massen vergemeinschaftlicht. In der Gemeinschaftsseele verwischen sich die Verstandesfähigkeiten und damit auch die Persönlichkeit der einzelnen. Das Ungleichartige versinkt im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen.

Eben die Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften erklärt uns, warum die Massen niemals Handlungen ausführen können, die eine besondere Intelligenz beanspruchen. Die Entscheidungen von allgemeinem Interesse, die von einer Versammlung hervorragender, aber verschiedenartiger Leute getroffen werden, sind jenen, welche eine Versammlung von Dummköpfen treffen würde, nicht merklich überlegen. Sie können in der Tat nur die mittelmäßigen Allerweltseigenschaften vergemeinschaftlichen. Die Masse nimmt nicht den Geist, sondern nur die Mittelmäßigkeit in sich auf. Es hat nicht, wie man so oft wiederholt, die "ganze Welt mehr Geist als Voltaire", sondern Voltaire hat zweifellos mehr Geist als die "ganze Welt", wenn man unter dieser die Massen versteht.
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Daraus erhellt sich wohl vieles von den Umständen die heutige (oder auch allgemein: die bisherige) Welt betreffend. Denn die Mehrheit und Masse bildet sich nicht aus den Glanzleistungen einzelner, sondern aus der Masse. Das ist auch die Ursache, warum die Welt nicht in den höchsten Errungenschaften schwelgt, sondern in dem, was in Summe in ihr ist.

Auch deswegen lässt sich sagen, dass die Masse sich mehrheitlich negativ als positiv beeinflusst. Nicht für sich als Gefühl genommen, dass mag dadurch unermesslich steigen, sondern auf das geistige Niveau und Naturell bezogen. Wäre das nämlich alles auf einem höheren Stand, dann wäre es viel leichter, gewisse Dinge zu erledigen, die doch für den Einzelnen eigentlich zur Vernunft zählen, er sie dennoch in der Weise nicht ausführt, oft dann auch nicht, selbst wenn er von sich aus dies eigentlich wollen wollte.

Nur kann sich dies auch nicht so wandeln für die Mehrheit, dass sich die vergemeinschaftlichen Dinge unbedingt positiv auswirken. Denn es wird ja dabei bleiben, dass der einzelne weiter sein muss, als das, was die Masse ausmacht. Lediglich für einen geringeren Anteil von Nachzüglern (vielleicht 1/3) kann die Massenwirkung positiver Natur sein und zum insgesamt Positiven hin stimulieren. All dies sollte bereits einleuchten, und evident zur notwendigen Deduktion aus dem Vorerwähnten führen.

Also ist es auch erforderlich für einen jeden Geistesmenschen, besser zu sein, als die Masse. Denn möchte man sich nur von der Masse ziehen lassen, dann sollte man sich unbedingt ganz hinten anstellen, dann ist die Zugkraft mit am größten! Desweiteren sollte dies auch die Notwendigkeit für den geistigen Fortschritt für alle nahelegen, und warum es so Wichtigkeit ist, dass eine Mehrheit (in etwa 2/3) erforderlich ist, um wirklich einen größeren Wandel auf Erden zu ermöglichen. Dazu ist es ja auch die Masse, wie weit jemand vom bloßen Mutwillen abgesehen unter ein gewisses Niveau fallen kann, oder dieses in der Masse keine Tragkraft und Tragweite mehr findet.


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