Perspektivische Abschattung - LU (alle)

Devino M., Montag, 02. April 2018, 17:49 (vor 252 Tagen)

Logische Untersuchungen - Edmund Husserl - 2.Band VI. 2.Kapitel

§14b. Die perzeptive und imaginative Abschattung des Gegenstandes

Doch wir müssen hier folgenden Unterschied beachten: die Wahrnehmung, indem sie den Gegenstand "selbst" zu geben prätendiert, prätendiert damit eigentlich, überhaupt keine bloße Intention zu sein, vielmehr ein Akt, der anderen Erfüllung bieten mag, aber selbst keiner Erfüllung mehr bedarf. Zumeist, und z.B. in allen Fällen der "äußeren" Wahrnehmung, bleibt es bei der Prätention. Der Gegenstand ist nicht wirklich gegeben, er ist nämlich nicht voll und ganz als derjenige gegeben, welcher er selbst ist. Er erscheint nur "von der Vorderseite", nur "perspektivisch verkürzt und abgeschattet" u.dgl. Während manche seiner Bestimmtheiten mindestens in der Weise, welche die letzteren Ausdrücke exemplifizieren, im Kerngehalt der Wahrnehmung verbildlicht sind, fallen andere nicht einmal in dieser bildlichen Form in die Wahrnehmung; die Bestandstücke der unsichtigen Rückseite, des Innern usw. sind zwar in mehr oder minder bestimmter Weise mitgemeint, sie sind durch das primär Erscheinende symbolisch angedeutet, aber selbst fallen sie gar nicht in den anschaulichen (perzeptiven oder imaginativen) Gehalt der Wahrnehmung. Damit hängt die Möglichkeit unbegrenzt vieler, inhaltlich verschiedener Wahrnehmungen eines und desselben Gegenstandes zusammen. Wäre die Wahrnehmung überall, was sie prätendiert, wirkliche und echte Selbstdarstellung des Gegenstandes, so gäbe es, da ihr eigentümliches Wesen sich in diesem Selbstdarstellen erschöpft, für jeden Gegenstand nur eine einzige Wahrnehmung.
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In der Wahrnehmung runden wir wie selbstverständlich das, was als erkannt gilt, zu einem umfassenden Gegenstand zusammen. Denn nur weil wir eine Seite einer Sache sehen, gehen wir nicht davon aus, dass es nur diese Seite wäre, sondern wir setzen den Rest des Gegenstandes so voraus, wie wir ihn anteilig wahrnehmen. Sonst wären verschiedene optische Täuschungen in Form von z.B. Zaubertricks nicht möglich. Denn der Zaubertrick besteht eben darin, dass die Seite die wir dem zuordnen nicht in der Weise vorhanden ist. Oder umgekehrt, es ist mehr vorhanden, als wir in Ansehung der bloßen Dinge annehmen können.

Es ist sogar wichtig, dass die Wahrnehmung des Gegenstandes sich nicht vollständig an diesem erschöpft. Sonst wäre nichts darüber hinaus in unserem Geiste hinsichtlich der Ansehung des Gegenstandes, als das was wir wahrnehmen. Wir würden in einer gewissen Weise am Gegenstande verharren und dieser würde den entsprechenden Teil der darauf gerichteten Wahrnehmung gänzlich unter Beschlag nehmen. Da das Bewusstsein nicht statisch ist, sind es folglich auch die Gegenstände in unserer Wahrnehmung auch nicht.

Die perspektivische Abschattung verhält sich in der Wahrnehmung wohl so ähnlich, wie die Seele hinsichtlich ihrer Verkörperungen. Denn das, was nicht zur Wahrnehmung des Gegenstandes gehört, muss abgeschattet werden, um diesen hervorheben zu können; und umgekehrt, das was wir erhalten, ist lediglich eine Art von Schatten eines Gegenstandes. Also haben wir nur eine Art Negativ von dem Gegenstand der im positiven Sinne "voll" gegeben ist. Da auch der Seele die Verkörperung bis zu einem gewissen Grade abhanden geht, weil diese nicht der vollständigen Handhabe und Kontrolle untersteht, sondern nur in Form der Einflussnahme jedoch noch weiteren Gesetzen und Einflüssen ausgesetzt ist, entsteht an der Stelle ebenfalls eine Art von Abschattung.

So entsteht auch das Verhältnis, dass das, was die Seele in positiver Weise auf der eigenen Seite hat und was sie abarbeitet, sich oft in negativer Weise in den Verkörperungen vorfinden, da sie diese für die eigene Arbeit heranzieht und im freien Erlebnislauf hemmt. Umgekehrt auch das, was auf Seiten der Verkörperungen an regem Erlebnislauf existiert, kann die Seele in negativer Weise beanspruchen und ihr gewisse Aufarbeitung des Erlebten aufdrängen. So ergibt sich auch im allgemeinen Umgang einiges an Abschattung, wie auch im Verhältnis, ist manches Positiv, manches Negativ, doch ohne dies wäre das ein oder andere Erfahrungserlebnis in seiner differenzierten Weise nicht möglich.


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